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Westfälischer Wintertag

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Heute ist Winter. Richtig Winter, mit nächtlichen Temperaturen im zweistelligen Minusbereich. Zunächst war es nur kalt, bei strahlend sonnigem Himmel. Doch seit heute Nacht sind Häuser, Wiesen und Felder mit Schnee überpudert. Nur 15 km weiter nördlich reicht es, um einen Schneemann zu bauen. Das hat mir ein Freund am Telefon erzählt.

Mit dem Schnee kündigt sich ein Wetterumschwung an. „Aus Nordwesten aufkommender leichter Schneefall, nachfolgend in Regen übergehend, erhebliche Glättegefahr bei leichtem Dauerfrost. Schwacher Südwestwind“, so lautet der Wetterbericht. Im westlichen Münsterland bittet man die Menschen schon mittags wegen der überfrierenden Nässe zuhause zu bleiben. Bei uns wird die Glätte erst abends erwartet.

Kaffeeröterei Beckum; seit 2010

Es ist nicht nur Winter. Es ist auch Samstag – Markttag in Beckum, den wir so lieben. Unsere Gäste bleiben übers Wochenende, das nötige Hauskeeping ist schnell erledigt, keine neuen Anreisen heute. Wir haben Zeit. Ich habe Lust, auf den Markt zu gehen, obwohl es schon nach Zwölf ist.Ein bisschen frische Petersilie, ein paar Äpfel und Orangen, ein Spitzkohl von Gemüsebauer Nordhues… Die Einkäufe sind schnell erledigt. Bei der Kälte ist ohnehin nicht so viel los. Schnell landen auch wir in der Kaffeerösterei am Markt, unserem Lieblingscafé, und schmieden Pläne für das noch frische Jahr. Bei Chai Latte und einem unschlagbaren Milchkaffee vergessen wir die Zeit.

Was? Schon halb vier Uhr?

Es hat ganz leicht zu nieseln begonnen. Noch sind die Straßen nass und nicht glatt. Dennoch rollen wir langsam über Land zurück. Wir scheinen allein unterwegs zu sein, niemand kommt uns entgegen. Nur in der Ferne streben zwei Menschen und ein Hund einem Auto zu.  Auch wir halten an einem Feldweg, gehen ein paar Schritte. Es ist still, so still. Schnee und Himmel schlucken die Geräusche, eine mystische Stimmung liegt über der Landschaft. Der bleigraue Himmel hängt tief, verschmilzt schon hinter dem kleinen Eichenwäldchen mit dem Horizont. Die Nässe auf dem asphaltierten Weg wird zunehmend rutschig. Wir wollen ins Warme. Ein aufgescheuchter Fasan flattert schimpfend in die hohen Hecken neben der schmalen Landstraße, als wir an ihm vorbeirollen. Auf dem weiß gesprenkelten Feld lümmeln lustlos ein paar Krähen herum. Ein Bussard landet in dem windschiefen Apfelbaum am Straßenrand und schüttelt sein Gefieder.

„Ob der wohl friert?“ fragt mein Mann und wir lachen beide über diese Vermenschlichung. Ansonsten schweigen wir, lassen uns von der Natur ergreifen, werden immer mehr Teil dieses Wintertages.

In einer Stunde wird es dunkel sein, kalt und glatt auf den Straßen.  Bussard, Fasan, Krähen und all die anderen Tiere sind dann immer noch draußen und wissen wie sie sich zu verhalten haben, trotz Winterwetter. Wie schnell wir dagegen an unsere Grenzen kämen, ohne warme Kleidung, ohne festes Dach über dem Kopf, eine Decke für die Nacht… Ohne all das, was wir Zivilisation nennen.

Ich bin froh über die Sitzheizung, unser warmes Auto und den Kamin, den wir gleich anfeuern werden. Und doch haben wir den bleigrauen Himmel, die Kälte und die unglaubliche Stille dieses westfälischen Wintertages genossen.

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Lieblingscafé in Beckum

Handliches Kaminholz

Veröffentlicht von

Hallo ich bin Ulrike Tourneur, Geschichtenerzählerin aus dem Herzen Westfalens. Ich schreibe über das Leben, unser kleines Bed & Breakfast, interessante Menschen und Begegnungen und meine Heimat.

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