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Verstrahlt

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„Hallo?“, meldet sich eine Frauenstimme am Telefon, ohne einen Namen zu nennen. „Kann man bei ihnen wohnen?“ Ich bestätige das und frage, ob sie ein Zimmer buchen möchte. Statt einer Antwort kommt eine weitere Frage: „Haben sie Strom?“

Amüsiert antworte ich: „Ja, wir haben Strom und sogar fließendes Wasser, kalt und warm.“ „Kann man den Strom auch abschalten?“ fragt die Unbekannte ohne jeden Humor weiter. „Warum sollten wir das tun?“ frage ich jetzt irritiert zurück.

„Mein Mann verträgt keinen Strom“, höre ich. „Und ich weiß, dass man den auch abschalten kann.“ Ich entschließe mich, zurück auf Anfang zu gehen und noch einmal ganz neu zu beginnen. „Was kann ich denn für Sie tun?“ starte ich noch einmal.

„Wir wandern“, sagt sie und dass sie ein Zimmer brauchen. Sie nennt ein Datum in einigen Wochen. Ich schaue im Kalender nach und teile ihr mit, dass wir an diesem Tag noch ein Doppelzimmer frei haben. Als ich den Preis nenne, zögert sie. „ Stehen die Betten auch auseinander?“ wieder eine Frage von ihr. „Das muss nämlich sein“, fährt sie ohne jede Erklärung fort. Ich komme gar nicht dazu, ihr zu sagen, dass unsere Doppelzimmer keine Einzelbetten haben, denn es geht gleich weiter. „Und was ist jetzt mit dem Handy ausschalten? Geht das denn nun?“

Langsam dämmert mir, dass sie mit Strom vielleicht das Wlan meinen könnte. Ich frage nach und liege richtig mit meiner Vermutung. Dann erkläre ich, dass das prinzipiell zwar möglich sei, dass aber die meisten unserer Gäste das Internet nutzen wollen und wir es deshalb nicht ausschalten möchten.

„Aber gehen würde es schon“, stellt sie fest und scheint beruhigt. Ich bin inzwischen neugierig, was für ein Mensch da am anderen Ende der Leitung ist. Es sind offensichtlich Wanderer, die hier bei uns im flachen Lippetal noch relativ selten sind. Aber vielleicht wollen sie ja ins Sauerland, unser nahes Mittelgebirge oder kommen daher? Ich frage deshalb nach: „Auf welcher Route wandern sie denn?“

„Wir müssen wandern. Mein Mann ist krank“, lautet die knappe Antwort und ich vermute ein ärztlich verordnetes Bewegungsprogramm. „Wegen der Strahlen“, erfahre ich gleich darauf. „Es sind ja überall diese Strahlen und dann auch noch das, was die Flugzeuge versprühen.“  Ehe ich antworten kann, beginnt sie mit Preisverhandlungen. „Es gibt auch Zimmer für 20 Euro mit Frühstück und wo die Betten auseinander stehen“, informiert sie mich. Vor meinem geistigen Auge tauchen Schlafsäle mit Doppelstockbetten und Linoleumboden auf. „Leider gibt es für diesen Preis bei uns kein Zimmer. Vielleicht sollten sie es in einer Jugendherberge versuchen“, schlage ich vor. Da legt die Frau einfach auf, kommentarlos und lässt mich kopfschüttelnd und irritiert am anderen Ende der Leitung zurück.

Es gibt inzwischen Hotels und Regionen, in denen man Urlaub im Funkloch machen kann. Hier wird bewusst auf handyfreie Zonen und die Reduzierung von Elektrosmog gesetzt. Sicher gibt es Menschen, die empfindlich auf die elektromagnetischen Ausschüttungen unserer Zivilisation reagieren. Es gab auch Menschen, die mit der Einführung des Automobils vor hundert Jahren nicht zurechtkamen und es als Teufelszeug bezeichneten. Doch technischer Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Bei allen Problemen glaube ich deshalb vor allem an die Anpassungsfähigkeit des Menschen, Ruhepausen und Grenzwerte vorausgesetzt. Sicher kann es Sinn machen, in einem abgelegenen Berghotel Elektrosmog und Wlan abzuschalten. Doch das gilt nicht für uns, denn die meisten unserer Gäste fragen gleich bei der Anmeldung nach dem Passwort fürs Wlan und nutzen es ausgiebig.

Außerdem schwang in der Stimme der humorlosen Anruferin noch etwas anderes mit. Ich habe viel mit Menschen zu tun und spüre schnell, wenn etwas nicht stimmt. Die Frau am Telefon schien mir deutlich neben der Spur zu sein. Ich will meinem Mann von diesem sonderbaren Telefonat erzählen. Es ist Frühsommer und die Saison hat begonnen. Wir haben viel zu tun und ich vergesse es.

An einem lauen Sommerabend Wochen später sitzen mein Mann und ich mit einem Glas Wein auf unserer Terrasse. Das Haus mit all den Gästen summt wie ein Bienenstock, der langsam zur Ruhe kommt. Wir lieben das. Es ist schon fast dunkel, als es an der Haustür schellt. Wir vermuten einen Gast, der seinen Schlüssel vergessen hat. Mein Mann steht auf und ich sehe, wie er mit einem älteren, sonnengebräunten und sportlich drahtigem Paar nach oben in die Gästeetage geht. Im Flur bleiben zwei große Plastiktaschen und ein Einkaufstrolli zurück, wie ihn ältere Menschen gerne auf dem Markt hinter sich herziehen.

Neue Gäste? So spät? Haben wir eine Buchung übersehen? Es ist nur noch das kleine Doppelzimmer mit dem French Size Bett frei.

Dann höre ich aufgeregte Stimmen und entschließe mich nachzusehen. Als ich das Zimmer betrete, sitzt der ältere Herr mit einem Blutdruckmessgerät auf einem Stuhl und ist damit beschäftigt, sich die Manschette anzulegen. „Nein“, erklärt mein Mann gerade der Frau, „das Zimmer wird nicht günstiger, wenn sie ihre Schlafsäcke benutzen, statt der Bettwäsche“. Ich kenne mich mit Blutdruckmessgeräten aus und sehe, dass der Mann die Manschette nicht richtig anlegt. Außerdem steckt ein Teil seines Hemdsärmels darin. Er schnaubt und ist ganz auf sich fixiert, will sich auch nicht helfen lassen. Das Gerät gibt ein disharmonisches Piepsen von sich. Auf dem Display leuchtet „Error“ auf. „Alles voller Strahlen“, regt er sich jetzt auf. „Sogar das Gerät funktioniert nicht mehr“. Er wird laut, dreht sich in dem kleinen Raum wie ein eingesperrter Tiger und schimpft. Mein Mann schüttet ihm ein Glas Wasser ein, damit er sich beruhigt. Er nimmt es und trinkt wortlos in großen Schlucken.

Die Szene ist surreal. Hier wabert Wahnsinn durchs Zimmer. Und er kommt mir bekannt vor. Denn gerade fällt mir das Telefonat wieder ein. Außerdem denke ich an die anderen Gäste, die jetzt ihre Ruhe haben sollen.

Die Frau wirkt im Gegensatz zu ihrem Partner beinahe stoisch und lässt sich durch ihren Mann nicht aus der Ruhe bringen. Nun schlägt sie vor, auch das Betttuch zu entfernen und mit den Schlafsäcken direkt auf der Matratze zu schlafen. Dann hätten wir doch gar keine Arbeit und was das Zimmer denn dann kosten würde?

Am Tonfall meines Mannes höre ich, dass für ihn die Preisverhandlungen soeben ein natürliches Ende gefunden haben. Wir tauschen einen kurzen Blick, sind uns beide einig, dass wir dieses Paar möglichst schnell aus dem Haus haben wollen. „Nichts wie weg hier“,  lässt sich jetzt auch der hyperaktive ältere Herr vernehmen, „wir müssen weiter, hier ist alles verstrahlt.“

Er stürmt aus dem Zimmer, die Treppe herunter, durch die Haustür auf den Hof, wo er auf und ab läuft.

Die Frau packt seelenruhig und ergeben das Blutdruckmessgerät zusammen und verstaut es in einer der Taschen. Bei mir siegt die Neugier und ich frage, wo sie denn sonst auf ihrer Reise übernachten? „Im Zelt“, lautet die Antwort, „aber dazu hatte ich heute keine Lust und es soll ja auch Regen geben“.  Sie fügt sich völlig klaglos in das wütend schnaubende Verhalten ihres Mannes, der zum Aufbruch drängt.

„Und wo wollen sie so spät noch hin?“ insistiere ich weiter. „Wir wandern meist erst gegen Abend, wegen der Flugzeuge und der Strahlen“, erklärt sie mir und ich sehe mich verstehend nicken. Mein Mann schaut irritiert.

„Vielleicht gehen wir aber auch noch bis in die Stadt ins Krankenhaus. Da haben wir ja dann ein Zimmer“. Die beiden verlassen grußlos den Hof. Das ganze Spektakel hat nur wenige Minuten gedauert. In mir brennen drängende Fragen nach dem Lebenskonzept dieses schrägen Paares und verhallen unbeantwortet.

„Was war das denn?“ fragt mein Mann und sieht mich ratlos an. Ich glaube, wenigstens seine Frage kann ich beantworten und erzähle ihm endlich von dem Telefonat.

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Veröffentlicht von

Hallo ich bin Ulrike Tourneur, Geschichtenerzählerin aus dem Herzen Westfalens. Ich schreibe über das Leben, unser kleines Bed & Breakfast, interessante Menschen und Begegnungen und meine Heimat.

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