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Mann mit Schildkröte

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Es ist ein grauer, kalter Frühjahrstag, an dem man spürt, dass der Winter noch in der Nähe ist. In die gelegentlichen kräftigen Schauer mischt sich oft Schnee. Die Radfahrsaison hat noch nicht begonnen. Deshalb denke ich zunächst an einen Zeitungsboten, als ich den Mann mit dem Rad und den Packtaschen auf unserem Hof stehen sehe. Doch da klingelt es und er fragt nach einem Zimmer für ein oder zwei Tage. Als wir sein Rad in der Garage unterbringen, fällt mir auf, wie langsam und bedächtig seine Bewegungen sind.

Er sieht ganz verfroren aus und erzählt, dass er heute bereits knappe 70 Kilometer gefahren sei. Kein Vergnügen bei dem Wetter! Es ist ruhig im Haus, wir haben nicht viel zu tun. So frage ich spontan, ob er Lust auf eine Tasse Tee habe.

Eine Stunde später sitzen wir uns am großen Tisch gegenüber. Er stellt sich als Michael vor, öffnet die Hand und zeigt mir eine kleine Schildkröte aus Jade. Seine Schildkröte habe ihm gesagt, dass dies ein guter Ort sei und er würde gerne für zwei Tage bleiben, wenn das möglich sei. Verwundert stelle ich fest, dass mich sein Verhalten nicht verwundert. Es passt zu diesem blassen, stillen und bescheidenen Menschen, der Ende Vierzig ist, wie ich schätze. Schnell kommen wir ins Gespräch, stellen fest, dass wir alle regelmäßig meditieren.

Michael ist auf dem Weg in ein neues Leben. Das neue Rad, der Inhalt der Packtaschen und etwas Geld auf der Bank sind sein ganzer Besitz. Vier Jahre zuvor hat Michael einen Unfall gehabt, der ihn aus seinem früheren Berufsleben herausgeschleudert hat. Als er sich anderthalb Jahre später neu orientieren will, wird die Alzheimer Erkrankung seines Vaters so schlimm, dass er sich entschließt, ihn zu betreuen. Er und die Ärzte rechnen, auch wegen anderer Erkrankungen mit ein paar Monaten bis zum unvermeidlichen Tod des Vaters, doch es werden über zwei Jahre daraus.

Das Verhältnis zwischen Vater und Sohn war nie besonders gut. Der Vater hat ihn und die Mutter geschlagen, die früh gestorben ist. Die Alzheimer Erkrankung macht das Wesen seines Vaters nicht friedlicher, im Gegenteil. Die Krankheit legt den rohen Kern seiner Persönlichkeit bis auf die Grundmauern frei. Michael fragt sich oft, warum er sich das antut, warum er den Vater, der ihn im letzten Jahr seines Lebens nicht einmal mehr erkennt nicht in ein Pflegeheim gibt. Doch mit der Zeit stellt er fest, dass die giftige Wut des Vaters gar nicht ihn meint. Sie war einfach in ihm, warum auch immer. Er, als Sohn, ist nur ständig in das Kreuzfeuer der Aggressionen geraten. Diese Erkenntnis wirkt wie eine Befreiung und die Meditation ist die große Hilfe, ohne die er es nicht geschafft hätte, die Launen des Vaters zu ertragen.

Dann geht es tatsächlich mit dem Vater zu Ende. Wieder steht Michael vor der Frage, wie es mit seinem eigenen Leben weitergeht. Soll er das alte Haus umbauen und bleiben? Was ist die Alternative dazu? Doch im Haus sind einfach zu viele Erinnerungen, die er nicht mehr braucht und nicht mehr will. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlt er sich frei, ein ungewohntes Gefühl, das ihm auch Angst macht. Das Haus mit dem großen Grundstück verkauft er an eine junge Familie, die alles rigoros umbauen will. Das ist auch richtig so, da ist sich Michael sicher.

All das erfahre ich natürlich nicht gleich bei unserem ersten Tee. Michael bleibt vier Tage. Er wärme sich auf, sagt er und lächelt sein sanftes Lächeln. In den Pausen zwischen Regen und Schnee geht er spazieren. Da er keine Bücher mehr besitzt, leihe ich ihm meine aus. Es sind genug darunter, die auch ihm gefallen. Michael will sich verschiedene alternative Wohn- und Lebensformen ansehen und ausprobieren. In einer Woche ist er in einem Kloster in Ostwestfalen für eine Auszeit angemeldet. Als ich das höre, weiß ich, an wen er mich erinnert. Michael ist ein Mönch, ein spiritueller Mensch, wie er in allen Religionen zu finden ist. Das ist es, was sein Wesen ausstrahlt. Eine ruhige unaufdringliche Präsenz, Lebensklugheit, die aus der eigenen auch schmerzlichen Erfahrung stammt, Bescheidenheit und Interesse an seinem Gegenüber. Schnell gewöhnen wir uns an ihn, seine stille, freundliche Art und die gemeinsamen Gespräche.

Doch dann bricht er auf, auf zu neuen Ufern und auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Wir winken ihm und seiner Schildkröte, als sie den Hof verlassen und denken oft an ihn. Hat er sein neues Leben inzwischen gefunden?Blog abonnieren

Veröffentlicht von

Hallo ich bin Ulrike Tourneur, Geschichtenerzählerin aus dem Herzen Westfalens. Ich schreibe über das Leben, unser kleines Bed & Breakfast, interessante Menschen und Begegnungen und meine Heimat.

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