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Kopenhagen oder wie alles begann

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„Wann“, frage ich, „sind Kinder eigentlich aus dem Haus?“

Wir sitzen auf einfachen Holzbänken an einem dazu passenden Tisch in einem Außenbezirk von Kopenhagen. Der Himmel ist  perfekt  mit seinen weißen Wolken auf tiefblauem Grund. Wir können das Meer riechen. Vor uns auf dem Tisch liegen Smörrebröd, unvergleichlich gute dänische Butterbrote, die wir direkt aus dem dicken weißen Packpapier essen.„Hm,“ kommt es von Isabel, unserer Tochter, die meinem Mann und mir gegenüber sitzt. „Das ist eine gute Frage“, sagt sie und fischt sich ein paar Krabben von meinem Brot.

Ich sinniere weiter. „Sind Kinder aus dem Haus, wenn sie anfangen zu studieren oder eine Ausbildung machen? Oder sind sie aus dem Haus, wenn sie mit Mitte Vierzig den alten Eltern mitteilen, dass sie an dem renovierungsbedürftigen Kasten des Elternhauses nun wirklich kein Interesse haben?“

Unsere drei Kinder haben nicht nur einen Beruf, sondern  mittlerweile auch ein eigenes Einkommen. Alle drei wohnen ein paar Stunden entfernt  und wissen noch nicht, wo sie das Leben einmal hinzieht. Alle drei kommen nur noch gelegentlich nach Hause.

Isabel hat während ihres Medizinstudiums einen Winter lang in Kopenhagen gewohnt und ein Praktikum bei der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, gemacht. Sie kennt Kopenhagen und auch die besten Adressen für Smörrebröd. Vor drei Wochen rief sie an und teilte uns mit, dass sie für ein Projekt dringend zu einem Treffen mit ihrem früheren Chef nach Kopenhagen müsse. Flüge und Züge seien jetzt im Sommer so teuer und ob wir nicht Lust hätten…?

Wir haben Lust, müssen aber feststellen, dass nicht nur Flüge und Züge teuer sind, sondern auch die Hotels. Nur in der Peripherie gibt es Zimmer in unpersönlichen Tagungshotels zu einem horrenden Preis. Kopenhagen ist ausgebucht. Doch so schnell wollen wir nicht aufgeben und buchen erstmals auf einer dieser Internetplattformen, auf denen private Zimmer und Wohnungen angeboten werden. Nun liegen ein paar unbeschwerte Tage in einem kleinen Appartement mitten im Zentrum von Kopenhagen hinter uns. Wir hatten es ganz für uns, das junge Paar, das sonst darin wohnt, ist auf Mallorca.

Wir sind noch ganz begeistert von der unkomplizierten Art der Gastfreundschaft. Nun, auf den Holzbänken unter dem perfekten Sommerhimmel Kopenhagens rumort eine Idee in mir. Doch zunächst antwortet Isabel und nimmt sich zur Stärkung diesmal nicht nur Krabben, sondern auch noch die Scheibe Ei, auf der sie liegen.  „Also“, sagte sie, „Zuhause ist schon wichtig. Aber eigentlich habe ich das Gefühl, das jetzt mein eigenes Leben dran ist und das findet nicht bei euch statt. Ich kann mir nicht vorstellen in absehbarer Zeit nach Hause zurück zu kommen, vielleicht sogar nie.“ Eine andere Antwort habe ich nicht erwartet. Auch unsere beiden abwesenden Kinder würden mit großer Wahrscheinlichkeit ähnliches sagen. Überrascht bin ich von dem kleinen Stich ins Herz, der kurz Bilder von Verlassenheit und Einsamkeit im Alter heraufbeschwört. Doch es geht jetzt nicht darum, unser Alter zu planen. Wir, mein Mann und ich, sind tatsächlich auf der Suche nach einem neuen Inhalt für unser Leben. Und so frage ich: „Wie wäre es, wenn wir aus unserem Haus ein Bed & Breakfast machen?“

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Veröffentlicht von

Hallo ich bin Ulrike Tourneur, Geschichtenerzählerin aus dem Herzen Westfalens. Ich schreibe über das Leben, unser kleines Bed & Breakfast, interessante Menschen und Begegnungen und meine Heimat.

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