Artikelformat

Frisches Gras

1 Kommentar

Nein, nein, nein.  Dies ist kein Blogbeitrag über die Freuden des Cannabiskonsums.

Hier geht es um Gras, echtes Gras. Es wächst auf den Lippewiesen unterhalb  unseres Gartens. Gras voller Kräuter, weshalb es auch Teegras genannt wird. Frisch gemähtes Gras. Ich rieche es, bevor ich es sehe. In den letzten Tagen stand es fast hüfthoch, jetzt dreht der Trecker mit dem Schneidwerk zügig seine Runden und legt es flach. Gutes Gras. Der erste Schnitt, first flush, beste Qualität. Feinkost für alle Wiederkäuer.

Für uns hat der erste Schnitt unterschiedliche Bedeutungen:

Er ist eine Art Wetterbericht. Denn mehr als auf alle Prognosen der Wetterstationen können wir uns auf den Bauern verlassen, der die Wiesen mäht. Wir wissen dann zuverlässig, dass es in den nächsten drei Tagen trocken bleibt. Es herrscht eine stabile, meist sonnige Wetterlage.

Die zweite Bedeutung enthält ein bisschen Wehmut. Denn das erste Heu bedeutet, dass das Jahr Fahrt aufgenommen hat. Der zweite und dritte Grasschnitt wird nicht mehr so saftig, so frisch sein. In ihnen sind dann schon die Hitze des Sommers und die Müdigkeit des Herbstes spürbar. Das Jahr nimmt seinen Lauf, der Frühling ist vorbei, es ist Frühsommer, bald Hochsommer, Spätsommer, Frühherbst… doch daran will ich im Moment noch gar nicht denken.

Der Frühling ist meine absolute Lieblingsjahreszeit. Ich habe dann das Bedürfnis, jedes frische Grün an Bäumen und Sträuchern persönlich zu begrüßen. „Nicht so schnell,“ denke ich und bin froh, wenn ein paar regnerische kühle Tage das Wachsen verlangsamen. Oder brauche ich einfach Zeit zum Staunen über all die Pracht und die Vielfalt des Lebens?

Inzwischen ist ein Schwarm Krähen aufmerksam geworden und durchkämmt das frisch gemähte Gras. Am Himmel kreisen ein Bussard und ein Rotmilan. Sie fliegen kleine Scheinangriffe, werden von den Krähen bemerkt und vertrieben. Doch schnell sind sie zurück. Auf der Wiese weiter hinten betritt ein zweiter Trecker die Bühne und beginnt zu mähen. Auch hier wiederholt sich das Schauspiel mit den Krähen. Die Szene erinnert mich an einen Krabbenkutter auf See, der von Möwen umlagert wird. Hier habe ich die ländliche, westfälische Variante.

Der Rotmilan hat mittlerweile Verstärkung von einem Artgenossen bekommen. Er schwebt keine 50 m von mir entfernt in geringer Höhe über der Wiese. Ich kann die Färbung seines Gefieders erkennen.

Wahrscheinlich wird der Bauer noch heute das Heu wenden. Sobald es zu Bahnen zusammengeschoben ist, werden auch die Störche kommen, um nach Mäusen und Fröschen zu suchen. Aber darauf kann ich jetzt nicht warten. Es ist Dienstagmorgen. Eigentlich war ich nur draußen, um Wäsche aufzuhängen. Stattdessen hocke ich mit meinem Block auf einem Gartenstuhl, sinniere über frisches Gras, stelle Naturbeobachtungen an und genieße es. Was für ein kleiner feiner Moment der Freiheit! Welch ein Luxus, das hier einfach tun zu können!

Blog abonnieren

Veröffentlicht von

Hallo ich bin Ulrike Tourneur, Geschichtenerzählerin aus dem Herzen Westfalens. Ich schreibe über das Leben, unser kleines Bed & Breakfast, interessante Menschen und Begegnungen und meine Heimat.

1 Kommentar An der Unterhaltung teilnehmen

  1. Hallo Frau Tourneur, im Gegensatz zu meinen Töchtern lese ich Blogs über andere Personen nicht aber da wir ja wieder bei Ihnen übernachtet haben, war meine Neugierde doch geweckt. Meinen Respekt, ich habe tatsächlich alle gelesen, Ihr Schreibstil ist offen, wirkt ehrlich und animiert zum Weiterlesen. Vielen Dank und schönes Wochenende.

    Antworten

Schreibe eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.