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Freitags gibt`s Fisch

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Gerade ist Fastenzeit. Sagt Ihnen das etwas? Kennen Sie diese Zeit vielleicht noch aus Ihrer Kindheit? Was bedeutete sie Ihnen und wie wurde oder wird in Ihrer Familie damit umgegangen?

Ich kenne aus meiner Kindheit den Verzicht auf Süßes während der Fastenzeit. Alle Leckereien wurden in einem Einweckglas gesammelt, das ich erst an Ostern wieder öffnen durfte. Auch der Freitag ist ein Fastentag, an dem nach christlicher Tradition auf Fleisch verzichtet wird. Deshalb gibt`s Freitags oft Fisch.

Mit Verzicht hat das, was uns in der Fischbrathalle im Münsteraner Kuhviertel erwartet aber nichts zu tun. Es ist auch nur zufällig Freitag, als wir das bereits in der vierten Generation von der Familie Meyer betriebene Restaurant betreten. Doch es riecht nach den Freitagen der Kindheit, an denen es Fisch gab. Lecker!

Ein großer Raum mit einfachen Holztischen und Stühlen und rappelvoll. Rentnerehepaare, junge Mütter mit Kinderwagen, Freundinnen, Arbeitskollegen und ganze Familien treffen sich hier zum Mittagessen. Die Fischbrathalle hat nämlich nur von 11.00 bis 15.00 Uhr geöffnet.

Die herzliche, bodenständige Bedienung wischt erst einmal den Tisch ab und nimmt die Getränke auf. Dann – endlich, denn es ist schon fast 14.00 Uhr und wir haben einen Bärenhunger  – vertiefen wir uns in die Speisekarte. Für Eilige gibt es ein wechselndes Tagesgericht, das besonders schnell und gleich inklusive Kaltgetränk und Rechnung an den Tisch gebracht wird. Heute ist es „Heilbutt in Eihülle mit Fenchelgemüse und Salzkartoffeln“, für den sich mein Mann entscheidet, obwohl wir es nicht eilig haben. Ich wähle das „Seelachsfilet mit Birne und Brie überbacken, Salzkartoffeln und Kopfsalat“, weil ich so eine Kombination bisher noch nie gegessen habe.

Während wir ungeduldig vor Hunger warten, lesen wir, dass Nachhaltigkeit und Rücksichtnahme auf die Fischbestände ein Anliegen der Inhaber ist. Der größte Teil des Fisches ist Wildfang und hat das MSC-Siegel. Bei Aquakultur wird auf Zertifizierung der liefernden Betriebe geachtet. Außerdem gibt es stets saisonale Angebote. Auch die Kartoffeln und Milchprodukte, die verwendet werden, stammen von Höfen aus der Umgebung. Jetzt haben wir nicht nur Hunger, sondern auch ein gutes Gewissen.

Wer bei all der Vorrede nun ein schickimicki Gericht mit angesagtem Foodstyling erwartet liegt völlig falsch. Der frische grüne Salat ist unter der Wucht der süßsauren Sahnesauce, wie sie auch meine Oma machte, in die Knie gegangen – so gut schmeckt die. Die buttergelben Salzkartoffeln sind von der mehligen Sorte und geben gleich beim ersten Kontakt mit der Gabel nach. Richtig so, denn sie sollen so viel von der sämigen Senfsauce aufnehmen wie möglich. Der Geschmack der Sauce ist pure Kindheitserinnerung. Ich muss mich beherrschen, die Sauciere nicht mit dem Finger auszulecken. Und dann der Fisch. Der ist einfach frisch. Und lecker und leicht und bekömmlich. Wir sitzen uns andächtig kauend und schweigend gegenüber.

 

Nur ein paar Schritte von der Fischbrathalle entfernt, liegt das „Antiquariat Solder“, der alte Buchladen, in dem der Wilsberg Krimi gedreht wird. Doch da wollen wir heute nicht hin. Wir lassen Essen und Atmosphäre der Fischbrathalle in der Schlaunstraße 8 gerne noch etwas länger auf uns wirken und schauen durch die hohen Bogenfenster in den sonnigen Freitagnachmittag.

In der katholischen Kirche sind mit der Fastenzeit die 7 Wochen zwischen Aschermittwoch und Gründonnerstag gemeint mit Ausnahme der Sonntage. In der evangelischen Kirche nennt man diese Zeit Passionszeit. Auch andere Glaubensrichtungen kennen eine Fastenzeit. Im Islam ist es der Fastenmonat Ramadan, dessen Beginn und Ende sich jedes Jahr abhängig vom Mondzyklus etwas verschiebt.

Da wir es nicht eilig haben, reden wir über all die alten kirchlichen Traditionen unserer Kindheit und wie sie uns geprägt haben. Auch der nette junge Gast aus Frankreich, dem wir nachts um 3.00 Uhr ein Frühstück hinstellten fällt uns wieder ein. Er war Muslime und fastete während des Ramadan. Für viele Christen steht in der Fastenzeit nicht mehr religiöse Pflichterfüllung im Vordergrund, sondern bewusster Verzicht auf etwas, was sonst zur alltäglichen Lebensqualität gehört. Nichts ist selbstverständlich – diese Erfahrung können wir beim Fasten erleben. Das schafft Abstand, macht uns bewusster. Freude und Genuss an den kleinen Dingen stellt sich ein und hält auch nach dem Fasten meist noch eine Zeitlang an.

Das Restaurant leert sich langsam und auch wir fragen nach der Rechnung. Wir sind satt und glücklich, trotz Fastenzeit. Und wir kommen wieder, nicht erst in der nächsten Fastenzeit und auch gerne an einem anderen Wochentag. Denn in der Fischbrathalle gibt`s von Dienstags bis Samstags Fisch!

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Veröffentlicht von

Hallo ich bin Ulrike Tourneur, Geschichtenerzählerin aus dem Herzen Westfalens. Ich schreibe über das Leben, unser kleines Bed & Breakfast, interessante Menschen und Begegnungen und meine Heimat.

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