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Es war der Blinddarm

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Das gepflegte ältere Paar steigt aus einem Mercedes neueren Baujahrs. Sie kommen aus Süddeutschland, wie uns das Nummernschild wissen lässt und haben die Suite gebucht, unseren schönsten Raum. Der passt gut zu ihnen. Er ist ein gelassener, kultivierter Mann mit tiefer Stimme. Sie hat sehr lebendige Augen und wirkt aufgeregt, wie ein junges Mädchen. Warum das so ist, erfahren wir am nächsten Morgen beim Frühstück. Zunächst wollen die beiden, nachdem sie sich frisch gemacht haben, das Dorf erkunden. Wir schlagen, wie meistens, einen Besuch im barocken Schlossgarten und in unserer Basilika Sankt Ida vor. „Ich weiß“, sagt die Frau und blinzelt uns zu, „ich war schon einmal hier.“ Er fragt, wo man gut essen gehen könne und wir empfehlen eines unserer gehobenen Gourmetrestaurants mit Spezialitäten der Region. So weit so gut.

Wahrscheinlich sind die beiden auf der Durchreise oder haben am nächsten Tag eine Einladung in der Nähe. Solche Gäste haben wir oft.

Als das Paar am nächsten Morgen um halb zehn Uhr zum Frühstück kommt, sind alle anderen Gäste schon fort. Die Frau fragt uns, als wir Kaffee und Brötchen bringen, ob wir uns wohl kurz zu ihnen setzen können, sie hätte ein paar Fragen. Sie habe die ganze Nacht kein Auge zugetan, beginnt sie. Mein Mann und ich sehen uns erschrocken an. „Oh, Gott, nein“, sagt sie entschuldigend und tätschelt meinem Mann die Hand, „das liegt nicht an ihnen oder dem Zimmer. Es ist nur so, dass ich als junges Mädchen nach dem Krieg einige Jahre hier in der Nähe gelebt habe. Meine Mutter, meine Schwester und ich, wir waren Flüchtlinge und wurden auf einem Bauernhof etwas außerhalb einquartiert. Und heute Nacht haben mich all die alten Bilder und Erinnerungen so überflutet, dass ich nicht schlafen konnte.

Während und nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen 1945 und 1950 kamen 12 bis 14 Millionen Deutsche aus den deutschen Ostgebieten und aus Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa als Flüchtlinge oder Vertriebene in das Gebiet der heutigen Bundesrepublik.

Nun erzählt der Ehemann, dass sie auf dem Weg nach Hamburg seien, wo er einen Vortrag halte. Seine Frau sei nur unter der Bedingung mitgekommen, dass sie einen Zwischenstopp einlegen, um sich noch einmal den Ort anzusehen, an den es sie nach dem Krieg verschlagen hat. Gestern seien sie herumgefahren und seine Frau habe einiges wiedererkannt. Sie nickt und hat wieder dieses aufgeregte Jungmädchengesicht. „Ja,“ sagt sie, „und jetzt wollte ich sie fragen, ob ich ihnen wohl ein paar Fragen stellen darf?“

Mein Mann kennt den Bauernhof, auf dem sie nach dem Krieg untergebracht wurde gut. Gleich auf dem Bauernhof nebenan, der einer alten Tante gehörte, hat er in seiner Kindheit und Jugend viel Zeit verbracht. Nun hält die Frau nichts mehr und mein Mann, der ein echter Einheimischer ist, kann ihr viele Fragen beantworten. Die Wangen der Frau sind inzwischen ganz rosig. Gegessen hat sie noch nichts. „Mein Gott,“ sagt sie zwischendurch immer wieder kopfschüttelnd, „wie gut, dass wir den Weg zu ihnen gefunden haben.“

Zufall ist das Pseudonym Gottes, wenn er inkognito bleiben will.
Albert Schweitzer

Ihr Mann hat inzwischen gut gefrühstückt und auch seiner Frau ein halbes Brötchen mit Marmelade herübergereicht, von dem sie gedankenverloren einen Bissen nimmt. Ihr Mann drängt zum Aufbruch. Sie macht eine wage Armbewegung in Richtung Garten. „Eine letzte Frage habe ich noch. Hier in der Nähe muss es früher eine Arztpraxis gegeben haben, so ein roter, hübscher Backsteinbau. Da wohnte unser Hausarzt. Ich erinnere mich noch genau. Man ging durch den Garten zur Praxis. Ich hatte damals schreckliche Bauchschmerzen und der Doktor war so freundlich und väterlich. Es war der Blinddarm. Der Doktor hat mich ins Auto getragen und persönlich nach Hovestadt ins Krankenhaus gebracht, wo ich operiert wurde.“ Mein Mann und ich nicken uns zu und ich nehme ein Bild von der Wand, auf dem der rote hübsche Backsteinbau zu sehen ist. Es ist unser Haus, so, wie es vor seinem Umbau in den Sechzigerjahren aussah. Wir zeigen es ihr und mein Mann sagt, dass der nette Doktor sein Opa war. Sie befinde sich gerade wieder in genau diesem Haus.

Das kennen Sie auch. Sie denken an einen Freund, den Sie länger nicht gesehen haben und plötzlich ruft er an.
Wenn auf ein inneres Ereignis (Gedanke, Emotion, Wunsch, Traum) ein äußeres, physisches Ereignis folgt und wir diese Ereignisse als miteinander verbunden erleben, obwohl wir uns den Zusammenhang logisch nicht erklären können, spricht man von Synchronizität. Der Begriff wurde von dem Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung geprägt.

Die Dämme brechen, Tränen rollen ihr übers Gesicht, sie ist gerührt und ergriffen. Ihr Mann reicht ein Taschentuch und nimmt sie beruhigend in den Arm. Wir nicken uns verständnisvoll zu. Die Verabschiedung ist wortreich und herzlich. Uns ist noch eine ganze Weile feierlich zumute. So als ob wir jemand anderem unerwartet ein großes Geschenk machen durften.

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Veröffentlicht von

Hallo ich bin Ulrike Tourneur, Geschichtenerzählerin aus dem Herzen Westfalens. Ich schreibe über das Leben, unser kleines Bed & Breakfast, interessante Menschen und Begegnungen und meine Heimat.

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  1. Wunderschöne Geschichte meine Liebe. Ich habe richtig Gänsehaut. Danke dafür – du weißt, ich kann auch einige „Zufallsgeschichten“ erzählen 😀

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