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Die Eröffnung – oder vom Zauber des Anfangs

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Ziemlich genau neun Monate nach meiner Idee beim Smörrebröd, rechtzeitig zur Beginn der Radfahrsaison eröffnen wir mit einem Tag der offenen Tür unser Bed & Breakfast. Sekt und Meiers Streuselkuchen stehen bereit, die Zimmer strahlen in neuem Glanz.

Sogar der Bürgermeister kommt und bringt auch die für den Tourismus zuständige Mitarbeiterin mit. Ein großer Artikel in der lokalen Presse berichtet über uns und nun warten wir gespannt auf die Menschen, die sich unser Haus ansehen wollen.

Es kommen viele.

Mit Freunden, Nachbarn und Familie haben wir gerechnet, nicht aber mit so vielen unbekannten Gesichtern. Es ist ein Tag, an dem wir vom Wohlwollen all der Menschen um uns herum getragen werden und der uns Mut macht für unser Vorhaben. Ja, unser Bed & Breakfast soll gelingen. Das wünschen wir uns.

Tatsächlich erinnern mich die zurückliegenden Monate an die ersten Jahre unserer inzwischen schon über 30jährigen Ehe. Von dem Moment an, indem wir uns damals entschlossen hatten, zu heiraten, waren wir sehr glücklich. Wir würden es schaffen, unser gemeinsames Leben. Wobei „schaffen“ das falsche Wort ist. Wir setzen damals das Gelingen einfach voraus. Es gab keine Gedanken ans Scheitern.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Aus „Stufen“ von Hermann Hesse

Neugier auf all das, was vor uns lag, Freude, Wachstum und jede Menge Liebe waren reichlich vorhanden. Es war die pure Schöpferkraft, ein großes Wort, das wir so nicht gebraucht hätten. Und doch war dieses mächtige Gefühl in jedem von uns, zwischen uns und um uns herum. Es trug uns. Es war das Leben selbst und wir waren mittendrin. Wir waren reich, selbst, wenn das Geld einmal knapp war, weil wir Anschaffungen für unser neues Zuhause getätigt hatten. Dann gab es Bratkartoffeln und am Wochenende Sekt. Wir feierten uns, das Leben und die Liebe und freuten uns riesig auf unseren Nachwuchs, der unterwegs war.

Dieser Geist, der uns durch unsere junge Ehe trug, sorgte dafür, dass wir innerhalb von sechs Jahren drei Kinder und ein großes, altes Haus unser eigen nannten. Damals wie heute wollte dieses Haus mit Leben gefüllt werden. Damals wie heute war das Glück auf unserer Seite.

Nach unserem Besuch in Kopenhagen wird uns schnell klar, dass meine Idee mehr ist als ein versponnener Gedanke. Die Idee hat Potential. Wir laufen mit unserem Vorhaben nur offene Türen ein, von deren Existenz wir vorher nicht einmal gewusst haben. So wird beinah zeitgleich mit unserer Eröffnung eine große, überregionale Radroute, die Römer-Lippe-Route eröffnet, die direkt an unserem Haus vorbei führt. Wir steigen in die Werbung ein und so bewirbt der Radprospekt unser Haus gleich mit. Auch fehlen Übernachtungsmöglichkeiten in der Gemeinde Lippetal, die sich hocherfreut von unserem Vorhaben zeigt. Gerade haben sich die ortsansässigen Gastronomen zu einem Netzwerk zusammengeschlossen, um die Region für den Tourismus attraktiver zu machen. Auch dort sind wir herzlich willkommen. Die umliegenden Tourismuszentralen bieten ein durch Fördergelder finanziertes Fortbildungsprogramm für Gastronomie und Hotelerie an und wir lernen begierig.

Neben bürokratischen Notwendigkeiten wie Nutzungsänderung, Baugenehmigung und Brandschutz, um die wir uns kümmern müssen, werkeln wir im Haus. Mein Mann findet nach seinem Burn Out wieder in seine Kraft und entdeckt, dass sein handwerkliches Geschick nicht gelitten hat. Ich arbeite mit Begeisterung und Kreidefarben alte Möbel auf. Das habe ich auf einem Workshop bei einer jungen Frau mit phantastischem Farbempfinden gelernt.

Der Zeitpunkt, in dem ein Raum leer und sauber ist, gehört für mich zu den schönsten Momenten. Dann nehme ich mir Zeit, spüre nach, welche Farben und Möbel der Raum haben will. Mein Mann wartet geduldig und setzt meine Ideen dann um. Tatsächlich macht es uns beiden riesig viel Spaß, so miteinander zu arbeiten. Er ist nun einmal der Handwerker und ich die Kreative. Jeder ist in seiner Kernkompetenz und das Ergebnis gefällt nicht nur uns, sondern auch den Besuchern. Am Tag der offenen Tür fragt sogar eine mir fremde Frau interessiert nach meinem Inneneinrichter und ich bin ganz gerührt und stolz.

 

Inzwischen sind drei Jahre vergangen und wir sind in einigen Bereichen professioneller geworden. Die Naivität oder besser Unschuld des Anfangs ist an vielen Stellen von Routine abgelöst worden. Das macht ja auch Sinn. Doch grauer Alltag ist unser Leben nur selten. Wir wissen, dass Routine immer wieder Unterbrechungen braucht. Wir erfahren jeden Tag, dass jeder Gast anders ist, andere Stimmungen und Geschichten mit zu uns bringt. Morgens nicht zu wissen, mit wem wir abends unser Haus teilen ist spannend und bereichert unser Leben.

Da war anfangs nur eine Idee, unsere Begeisterung und die Bereitschaft, die Idee ernst zu nehmen. dann brauchte es noch eine gehörige Portion Mut, um Neuland zu betreten. Und dann, dann fügte sich plötzlich alles. Eines kommt zum anderen oder wie wir in westfälischer Schlichtheit sagen: Wenn`s passt, dann passt`s.

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Veröffentlicht von

Hallo ich bin Ulrike Tourneur, Geschichtenerzählerin aus dem Herzen Westfalens. Ich schreibe über das Leben, unser kleines Bed & Breakfast, interessante Menschen und Begegnungen und meine Heimat.

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